Newsletter September 26
Sexuelle Imagination im Paar-Raum Wie verborgene Wünsche Liebe und Intimität bereichern können
Der Raum der verborgenen Wünsche, bereits erlebter Erfahrungen oder aus der eigenen Geschichte heraus unausgesprochener Bedürfnisse und Sehnsüchte ist oft tabu- und schambesetzt. Dieser Raum kann Frauen und Männer berühren, Paare füreinander öffnen oder auch Furcht, Ekel, Selbstzweifel, Unsicherheiten und Distanz auslösen.
Gelingt es Paaren, in der sinnlichen Imagination neugierig, selbstbestimmt, verspielt und lustvoll einen gemeinsamen Begegnungsraum zu erschaffen, so können sich zu den bereits erlebten erotischen Erfahrungen andere Wahrnehmungsqualitäten und Perspektiven eröffnen.
Eine erfüllte Sexualität kann die Bindung im Paar stärken und eine gefühlte, lebendige Bindung kann die Sexualität im Paar stärken.
Betritt im Paar jeder einzelne den Raum der sexuellen Imagination, eröffnen diese Fantasien einen direkten Zugang zur eigenen Erotik und damit zu sich selbst. Die Person, die die sexuelle Fantasie entwickelt, erschafft eine Wirklichkeitskonstruktion. Deren Bedeutung und erregende Wirkung kann im jeweiligen Lebenskontext auf dem Hintergrund der aktuellen Bedürfnislage tiefer erschlossen, bewusst und verstehbar gemacht werden.
Gelingt es Paaren, Fantasien, die sie austauschen wollen, miteinander in Kontakt zu bringen, so können diese ein bedeutsamer Türöffner für das Potential der eigenen sexuellen Entwicklung sein.
Manche Paare möchten diesen intimen Raum nicht miteinander teilen. «Meine Partnerin erlebt es als Fremdgehen, wenn ich mir Pornos anschaue, um mich im Solo-Sex zu erregen. Es würde sie zu sehr verletzen, wenn ich ihr sage, was mich wirklich erregt.»
«Auch wenn wir sexuell im Kontakt sind, erlebe ich meinen Partner oft als abwesend. Er ist dann wie nicht mehr bei mir, ich weiss nicht, meint er wirklich mich? Da steht etwas zwischen uns, was ich nicht verstehe, mich jedoch auch nicht traue anzusprechen.»
«Das erregt mich, wenn Du Deine sexuellen Fantasien erzählst. Dann fühle ich mich Dir nahe und ich habe Lust auf Dich.»
Die Bedeutungsgebung rund um die sexuelle Imagination, die ausgesprochenen sowie unausgesprochenen Befürchtungen und die neugierigen inneren Haltungen im Paar-Raum haben einen Einfluss auf das Erleben der gemeinsamen Intimität.
Emotionales Begehren/ Sexuelles Begehren-Dialog in der Sexualität
Je verbundener und geschützter ein Paar sich miteinander fühlt, desto entspannter können sich beide aufeinander einlassen.
Sich füreinander in der Sexualität zu öffnen, bedeutet sich verletzlich zu machen neues auszuprobieren und sich wieder aufeinander einzulassen, wenn die beiden sich verpasst haben.
Dabei können sowohl tiefe Freude und Lust wie auch tiefer Schmerz und Scham berührt werden.
Erlebt sich das Paar als emotional unverbunden und gerade nicht in der Lage, sich über schwierige Gefühle auszutauschen, so vermeiden Paare, oft sich verletzlich zu zeigen.
Stattdessen findet ein Rückzug vor sinnlich, erotischer Berührung statt, die sexuellen Bedürfnisse werden nicht oder als miteinander unverbunden gelebt. Die Sehnsucht nach emotionaler Nähe, liebvoller Zuneigung in Verbindung mit einem tiefen Vertrauen bleibt trotzdem bestehen. Manchmal wird sie im Aussen gesucht.
Das emotionale Begehren und das lustvolle sexuelle Begehren miteinander auszuschöpfen, ermöglicht dem Paar, eine tiefe leidenschaftliche Hingabe zu erleben.
In dem neugierig, erforschenden erotischen Spiel mit allen Sinnen (tasten, sehen, hören, riechen, schmecken, sich bewegen), gelingt es manchen Paaren miteinander genussvoll emotional zu verschmelzen.
Mit sexuellen Fantasien spielen
Ziel dieser Übung ist, dass jeder sich auf das Thema sexuelle Imagination anhand einer praktischen Übung einstimmen kann.
Übung als Einzelperson:
Bereite Dir einen ungestörten Platz.
Welche Position möchtest Du einnehmen? Liegst Du, sitzt Du?
Ich lade Dich ein, in Deinem Körper anzukommen.
Zu spüren wie Dein Atem kommt und geht
Das Gewicht Deines Körpers in Deine Unterlage sinken zu lassen.
Wie bist Du gerade da?
Was spürst Du? Was fühlst Du?
Gibt es noch etwas Unabgeschlossenes, was in Dir nachklingt?
Lass diese Reste von vorher mit Deinem Atem ziehen. Verlängere Dein Ausatmen.
Ich lade Dich ein, Dir eine sexuelle Fantasie, die Du magst vorzustellen.
Wie beginnt diese sexuelle Fantasie?
Welche Bilder, Szenerien tauchen in Dir auf?
Wo, in welcher Landschaft bist Du?
Mit wem bist Du da?
Welche Gerüche, Laute, Bilder, Berührungen erregen Dich?
Was machst Du? Beobachtest Du? Bist Du gerade aktiv?
Was machen die anderen?
Wie endet die Szene?
Was spürst Du in Deinem Körper?
Was fühlst Du?
Lass Dich wahrnehmen wie Dein Atem kommt und geht.
Recke und strecke Dich.
Komm wieder im Raum an.
Öffne langsam die Augen und schaue Dich um.
Was ist Dein Bedürfnis jetzt?
Reflektion dieser Übung
Was hast Du gerade erlebt?
Stehen hinter Deiner Fantasie eher emotionale Bedürfnisse (sich dem anderen nahe/verbunden fühlen, mit dem anderen verschmelzen wollen) oder genitale Bedürfnisse (die körperliche Stimulation geniessen und vertiefen wollen)? Oder beides?
Mit wem fühlst Du Dich sicher und hättest Du Lust in den Austausch über diese Fantasie zu gehen?
Fühlt sich ein solcher Austausch für Dich unbeschwert, selbstverständlich, spielerisch an?
Oder würdest Du Dich über diese Fantasie lieber nicht austauschen wollen? Welche Gründe sprechen für Dich für oder gegen einen Austausch mit dem Partner?
Übung im Paardialog:
Falls Du mit deinem Partner im Austausch mit sexuellen Fantasien spielen möchtest, und ein Raum, der sich sicher und geschützt anfühlt dafür da ist, lade ich Euch in folgende Übung ein:
Ein Partner beginnt dem anderen eine sexuelle Imagination zu erzählen, nach ein paar Sätzen erzählt der andere Partner diese Fantasie mit seinen Worten weiter. So wechselt Ihr einige Minuten in Eurem Rhythmus hin und her.
Reflexion:
Wie erlebst Du/Ihr diesen gemeinsamen Austausch? Lustvoll? Angenehm oder unangenehm?
Was gefällt Dir? Was erregt Dich?
Wie Berührung in Verbindung mit sexueller Imagination die Beziehung vertieft
Ein Beispiel:
Monika und Dieter sind ein Paar. Dieter musste sich nach seiner Prostatakrebsdiagnose einer Bestrahlungstherapie mit anschliessender Hormontherapie unterziehen. Diese Therapie hat sein Leben grundlegend verändert. «Ich spüre keine sexuelle Lust mehr, so wie früher. Durch die Antihormontherapie erlebe ich Stimmungsschwankungen, die ich davor so nicht kannte. Ich kann Frauen in der Menopause mit ihren Hitzewallungen, die ich jetzt selber immer wieder erlebe, gut verstehen. Eine Erektion und eine Penetration, so wie ich sie früher kannte, ist so nicht mehr möglich. Oft erlebe ich mich als sexuell angetrieben, ich stehe unter Strom, und fühle mich unerlöst.»
Monika erlebt die Veränderung rund um die Krankheit ihres Partners als belastend. «Er dreht sich in Negativkreisläufen als Mann zu versagen. Wenn wir zusammen sind und ich erlebe eine zärtliche, erotische Nähe mit ihm, bricht er plötzlich in Tränen aus. Dann ist er in dem Verlust seiner Erektion gefangen. Zwischen das Schöne, was ich gerade mit ihm erlebe, stellt sich die Frustration über die fehlende Erektion und Penetration. Das bedaure ich sehr. Seine Frustration über seinen Verlust nimmt unserer Begegnung in dem Moment den Genuss.
Oder ich erlebe Dieter wie ständig unter Strom. Er ist angespannt, will Sex, aber so, wie er früher den Geschlechtsverkehr erleben konnte, geht das jetzt nicht mehr. Ich fühle mich neben ihm unter Druck. So als will er ständig das von mir, was für ihn nicht geht, nämlich, dass ich ihn so errege, dass sein Penis steht und ich ihn aufnehmen kann. Das ist frustrierend und ermüdend. Einerseits erlebe ich Mitgefühl, wenn ich sehe, wie Dieter leidet. Andererseits verliere ich die Geduld und bin genervt, wie schwierig das für ihn ist und dass er nicht endlich aufhört etwas zu wollen, was so nicht geht.»
Gast sein im Königreich des anderen
Im Laufe des Beratungsprozesses, mit jedem der beiden allein, wie auch als Paar, entdecken beide neue Wege.
Anhand von auf das Paar abgestimmte «Sensate Fokus Übungen» erfahren beide regelmässig einen sinnlichen, wohltuenden Körperkontakt. Im Rahmen dieser Übungen ist jeder der beiden abwechselnd einmal der König/in, der, die berührt wird, und der/die wünschen darf. Dann tauscht das Paar die Rollen. Diese Berührungen beginnen zunächst unter Ausschluss der Bikini/Badehose Zone, in einem nächsten Schritt wird der ganze Körper miteinbezogen ohne aktive Stimulation der Intimbereiche.
Zu einem späteren Zeitpunkt schenkt sich das Paar im Anschluss an die Ganzkörperberührungen eine Intimmassage, bei dem sie meist einen Orgasmus erlebt, und er eine für ihn neue Form eines sinnlich erotischen Erregungsaufbaus erlebt. Das Paar spricht vorher jeweils ab, wer gerade nimmt und damit in seinem Königreich Vorfahrt hat und bestimmen darf.
Zeitweise gelingt Dieter mit Unterstützung eines Viagraproduktes, und anhand von vorbereitenden Solo-Beckenbodenübungen Monika zu penetrieren und sich in ihr zu bewegen.
«Der Körperkontakt mit Monika tut mir gut. Ich merke, wie ich mich in der Berührung mit ihr entspanne. Dann stehe ich nicht mehr so unter Strom. Am Anfang wollte ich nur sie berühren. Mit der Zeit habe ich gemerkt, wie gut mir das tut, wenn wir abwechseln und sie meinen ganzen Körper berührt. Wir haben begonnen nach den Übungen erst im geschützten Beratungssetting und dann zu Hause miteinander offen darüber zu sprechen, was jedem von uns guttut. Ich habe angefangen mich zu trauen, ihr zu sagen, wie ich im Intimbereich berührt werden möchte. Ich habe mich mit der Zeit auch getraut, ihr zu zeigen, was meinem Penis Freude bereitet. Früher hätte ich mich dafür geschämt. Ich habe gestaunt, wie neugierig sie ist. Heute finden wir miteinander neue Wege. Die Berührungen und später der Austausch werden immer selbstverständlicher. Jeder gibt dem anderen das, was heute für ihn stimmt. Es ist für uns selbstverständlicher geworden über unsere Bedürfnisse und Grenzen zu sprechen.
Am Anfang nach den Bestrahlungen und dem langsamen Heilen der durch die Bestrahlungen verursachten Nebenwirkungen konnte ich nachts nicht mehr schlafen, weil ich mich so unerlöst und unbefriedigt erlebt habe. Ich habe mich als Mann, wie ein Versager gefühlt, der nichts mehr bringen kann. Ich habe gar nicht verstanden, dass Monika mit mir trotz meiner Krankheit weiterhin zusammen sein will. Wenn ich jetzt einschlafe, bin ich dankbar für das, was schon möglich ist und wie wir immer wieder Neues miteinander entdecken oder wie mir der Wechsel von Berührung zu nehmen und zu geben immer wieder guttut.»
Auch Monika teilt ihr Erleben mit. In den Einzelgesprächen ist sie erleichtert im geschützten Rahmen ihre Erfahrungen mitteilen zu können, von denen sie manche mit Dieter teilen will und andere für sich behalten möchte. Auch sie erlebt diesen Prozess mit sich selbst und im Paar als ein sich in kleinen Schritten körperliches und emotionales Öffnen und ein Vertiefen des Kontaktes im Begegnungsraum.
«Am Anfang habe ich mich im Körperkontakt mit Dieter benutzt gefühlt. Ich habe verstanden, dass er mich braucht, um sich zu erregen, dass es ihn scharf macht, wenn er mich anschaut, meinen Intimbereich anschauen und berühren darf. In meiner Geschichte habe ich körperliche und emotionale Grenzüberschreitungen erlebt. Da habe ich gelernt, mich zurückzunehmen, für den anderen da zu sein und zu funktionieren. In den von Dir angeleiteten Übungen habe ich gelernt hinzuspüren, wahrzunehmen was mir Freude und Lust bereitet und mich zu trauen meine Grenze wahrzunehmen und Dieter nicht mehr zu schenken, als für mich in diesem Moment stimmt. Das gelingt mir nicht immer gleich gut, jedoch mit der Zeit immer besser.
Seit Dieters Krankheit habe ich begonnen mit meinen sexuellen Fantasien zu spielen. Ich habe bemerkt, wie Dieter das noch mehr erregt, wenn er mich im Intimbereich berührt und ich diese Berührung mithilfe meiner Fantasie intensiviere. «
Im Beratungsprozess war es Monika möglich geworden - zunächst im Einzelberatungssetting und später auch selbstentschieden im Dialog mit Dieter - über ihre sexuellen Fantasien zu sprechen.
Monika:
«Eine Lieblingsfantasie von mir ist, dass ich in der Kirche auf dem Altar liege und die Gemeinde schaut mir zu, wie ich mich genüsslich stimuliere. Mein Geschlecht zu zeigen an diesem verbotenen Ort erregt mich.»
«Eine andere Fantasie ist, wie ich auf einem Bett angebunden liege. Meine Augen sind verbunden und ich warte darauf, dass mein Liebster kommt und mich langsam und genüsslich nimmt. Der Moment der Ungewissheit und des Ausgeliefertseins erregt mich.»
«Schon früher als Kind habe ich mich in die Welt der Fantasien zurückgezogen, gerade dann, wenn es um mich herum heiss her ging und konfliktbeladen war. Nach der Bestrahlung und der Antihormontherapie von Dieter hat mir manchmal die Intensität der sexuellen Erregung, das alte Prickeln gefehlt.
Dann habe ich gemerkt, wenn ich sexuelle Fantasien dazu nehme, während mich Dieter genussvoll stimuliert, wie das meine sexuelle Erregung intensiviert. Erst im Laufe der Sexualberatung habe ich gelernt, über den Körper und über die Sprache im Austausch über unsere Empfindungen zu sein. Manchmal möchte ich ihm von meinen Fantasien erzählen, manchmal auch nicht.»
Dies hat auch Dieter angeregt sie wissen zu lassen, dass er sich neben den Pornos, die er lange heimlich konsumiert hat, neue sexuelle Fantasien über sexuelle Wünsche macht. Diese traut er sich nicht immer ihr gegenüber auszusprechen.
Dieter:
«Ich stelle mir Szenarien vor, die wir so bisher weniger praktiziert haben. Zum Beispiel wie ich Monika auf dem Küchentisch erobere, oder auch wenn ich ihre Erregung spüre, sie dann von hinten in ihre Vagina penetriere.»
Manchmal erinnere ich mich dabei daran, wie es früher war und spüre mein Limit aufgrund der Folgen meiner Krankheit. Manchmal geht es, dass wir innehalten und miteinander sprechen. Jetzt kann ich mit meiner Wahrnehmung immer mehr im Hier und Jetzt bleiben. Die Abstände meiner Frustration werden grösser und es gelingt mir immer besser den wohltuenden Körperkontakt spüren und zulassen zu können.»
Manchmal erschrecken Frauen und Männer über die Inhalte ihrer sexuellen Imagination und den damit verbundenen Erregungsquellen. Manche Inhalte und sexuellen Szenerien können in der Sexualberatung im Rahmen der individuellen Bedeutungsgebung, der sexuellen Lerngeschichte und der aktuellen Lebensthemen ganzheitlicher besser verstanden und integriert werden. Ein Gefühl der Erleichterung über diese Reflexion im geschützten Rahmen ist spürbar.
Es ist wichtig zu verstehen, was die Funktion einer sexuellen Imagination sein kann und dass klare Grenzen zwischen einer Fantasie und deren Umsetzung bestehen. Wo macht es Sinn, sexuelle Fantasien als verborgene Wünsche und bestehende Erregungsquellen zu verstehen, oder als Ausdruck bestehender Erfahrungen, als Sichtbar-Werden von sexuellen Lernschritten, als Verarbeitung bestehender Lebensthemen. Und wo macht es Sinn, sich über die Grenzen in deren Umsetzung bewusst zu sein und diese zu achten.
Gerne unterstütze ich Paare darin alte Mauern zu öffnen und neue Brücken zu bauen. Dabei kann die Lebenskraft der Sexualität die gemeinsame Intimität stärken und der bewusste, achtsame Umgang mit der sexuellen Imagination einen direkten Zugang zur Erotik schaffen. Verschiedene Lernschritte in Bezug auf das emotionale- und das sexuelle Begehren helfen dabei diesen intimen Raum wie selbstverständlich zu betreten, alte Verletzungen zu reparieren und diesen sinnlich-erotischen Paar-Begegnungsraum miteinander zu geniessen.