Newsletter Oktober 26
Wege in der Paarsexualität Wie der Dialog über Körper und Sprache Brücken baut und Türen öffnet
Schritte im Dialog
Emotionale Abhängigkeit in Paarbeziehungen ist weder kindlich noch pathologisch, sie ist eine unserer grössten Stärken.
Was meine ich damit, wenn ich von emotionaler Abhängigkeit spreche?
Im Dialog als Paar, sei es über den Körper oder über Worte, hat die Befindlichkeit des einen, Einfluss auf die Befindlichkeit des anderen.
Sätze wie «das ist dein Problem» anerkennen diese gegenseitige Abhängigkeit nicht.
Will sich ein Paar mit den eigenen Ängsten und Verletzlichkeiten gegenseitig tiefer anvertrauen und miteinander erforschen, auf welche
Bedürfnisse die verletzlichen Gefühle hinweisen, können folgende Fragen handlungsleitend sein:
Wovor habe ich die grösste Angst, wenn ich mich Dir anvertraue?
Und damit verbunden: Was brauche ich von Dir? Wie kannst Du mir helfen, dass ich mich wieder sicher mit Dir fühle?
Eine emotionale Verbindung schaffen
Um im Dialog eine Brücke zueinander zu bauen, können vier innere Haltungen in diesen Gesprächen der Liebe (Love-Gespräche) die Bewegung zu sich selbst und zum anderen hin unterstützen:
L Lauschen
Mit Lauschen meine ich, im Hier und Jetzt bei mir ankommen, indem ich aufmerksam zuhöre, was sich gerade in mir bewegt.
Wie nehme ich meinen Körper wahr? Was fühle ich? Was denke ich über mich, was denke ich über unsere Beziehung?
Wie präsent bin ich, für das, was sich in mir bewegt und wie kann ich auf das was mir mein Partner mitteilen möchte, in Resonanz gehen?
Kann ich zuhören, ohne zu unterbrechen oder ohne innerlich abzuhängen?
O Offenheit
Inwieweit kann ich zuhören ohne meiner eigenen Bedeutungsgebung Priorität zu geben, also das Erleben oder die Sichtweise des anderen verändern zu wollen. Dies geschieht zum Beispiel mit (inneren) Haltungen wie: «das ist doch gar nicht so», «das ist doch nicht richtig,» «das musst du doch so und so besser machen»? Bin ich stattdessen in der Lage offen und wohlwollend zuzuhören, ohne aufgrund meiner eigenen Bedeutungsgebung («das ist nicht richtig», »das musst Du so und so machen»), sein/ihr Erleben zu bewerten oder abzuwerten («das tut mir weh» - «tu doch nicht so empfindlich»). Kann ich innerlich offen und milde sein für mein eigenes Erleben in Reaktion auf den anderen? Kann ich offen und erreichbar sein für das, was mein Partner an mich herantragen möchte?
V Validieren
Bin ich bereit, das, was mein Partner mir mitteilt, erst einmal anzunehmen («ich höre, was du sagst»), oder auch wertzuschätzen («danke, dass Du das mit mir teilst, das berührt mich»), ohne es anders haben zu wollen?
Aussagen wie «ich höre was Du sagst», «ah, so siehst Du das, danke, dass Du mir das sagst», ja das macht Sinn für Dich das so zu sehen» oder okay, und wenn du das so sagst oder so machst, dann macht mich das traurig und ich fühle mich nicht verstanden.»
E Empathie
Bin ich bereit mich in die Schuhe des anderen hinein zu begeben? Dies bedeutet, mich zunächst in mich selbst und dann in den anderen einzufühlen und aus dieser liebevollen, wohlwollenden Haltung der Ruhe heraus meine eigenen Gedanken und Gefühle dem anderen mitzuteilen und so für unsere Intimität zu sorgen.
Hindernisse, Empathie für den anderen aufzubringen, gibt es viele. Zum Beispiel kann durch negative Vermutungen dem anderen eine destruktive Haltung zugeschrieben werden, wie «Du willst mich gar nicht verstehen». Verletzte eigene (Bindungs-)Bedürfnisse) können spürbar werden. Diese Verletzungen werden dem anderen als böse Absicht zu unterstellt und im Dialog als Du Botschaft an ihn heranzutragen, wie zum Beispiel «Du begehrst mich nicht», «immer lässt Du mich alleine und schaust nur auf Dich», «ich bin für Dich nicht wertvoll».
Unerfüllte Bindungsbedürfnisse als emotionaler Motor für Negativmuster verstehen
Paare brauchen eine besondere Verbundenheit miteinander, um als Paar zu überleben und um sich miteinander zu entwickeln. Dabei sind beide Liebespartner versteckte Regulatoren ihrer eigenen emotionalen und physiologischen Prozesse. Ihre jeweiligen Selbststrategien werden im gemeinsamen Beziehungsprozess in Interaktion miteinander gebracht.
Bindungsbedürfnisse, die nach Erfüllung streben und als emotionaler Motor die gemeinsame Interaktion steuern, können sein:
- emotionale Nähe und Geborgenheit spüren - anstatt sich allein gelassen fühlen
- sich (emotional, sexuell) begehrt fühlen - anstatt sich wertlos zu fühlen
- für den anderen die wichtigste (Bindungs-)Person (Nummer1) zu sein -anstatt alles andere (Arbeit, Kinder, Computer, Sport, andere Beziehungen) als wichtiger zu erleben
- in der Beziehung Wertschätzung zu erfahren und positiv über sich selbst denken - anstatt sich immer wieder im Dialog als Versager zu fühlen
- sich vom Partner gehalten fühlen - anstatt sich unverstanden und in der Angst, den anderen zu verlieren, erleben
- Empathie, liebevolles Wohlwollen spüren - anstatt Kritik, Angriff wahrzunehmen
Diese Bindungsbedürfnisse berühren, wenn sie unbewusst und unerfüllt bleiben, gegenseitig wunde Punkte. Die ausgelösten Kränkungen oder Verletzungen stehen dann zwischen den Partnern und wollen reguliert werden mit sich selber (Selbstregulation) oder mit dem Partner (Co-Regulation). Um emotionale Verbundenheit zu spüren ist die innere (oft unsichere) fragende Haltung an den anderen: «Bist du für mich da? Nimmst du mich so an, wie ich bin?»
Raum für Mitgefühl für sich selbst und für den Partner schaffen
Eine Übung:
Das Ziel dieser Übung ist mitfühlend füreinander da zu sein.
Bevor Ihr als Paar beginnt, stimmt Euch zunächst aufeinander ein.
Nehmt einen Moment Euren Atem und Euren Körper wahr. Verbindet Euch miteinander in Eurer Präsenz.
Wenn Ihr eingestimmt seid, beginnt Euch über folgende Fragestellung auszutauschen:
In welches vorrangige Schutzverhalten gerate ich/ nehme ich ein, wenn es für mich im Beziehungskontext unsicher wird? (ich mich überfordert, hilflos, verlassen, beschämt, bewertet fühle?)
In welches Muster gerate ich dann mit Dir, meiner so wichtigen Bindungsperson/Partner?
In welchem Kontext von früheren Bindungsbeziehungen habe ich gelernt, mich so schützen zu müssen?
Dazu beginnt ein Partner von Euch sich mitzuteilen. Dieser entscheidet, wie weit er sich zeigen möchte, so wie es sich für ihn gerade stimmig anfühlt.
Würdigt dann gemeinsam, wie wichtig dieses Schutzmuster ist/war, um so im Leben zurecht oder durchzukommen, zu überleben oder zu wachsen.
Spürt das Mitgefühl für Euch selbst und spürt das Mitgefühl des Partners.
Was nimmst Du gerade wahr? Welche Emotionen, Bilder, Worte kommen in Dir auf?
Wähle einen Mitgefühl-Anker, ein Symbol, ein Bild, eine Ressource oder eine Entscheidung für Dich, auf die Du später zurückgreifen kannst.
Wenn beide Partner sich noch zu sehr in ihren Schutzmustern begegnen und noch nicht einen Weg gefunden haben miteinander zu deeskalieren braucht es als Vorarbeit Begleitung in einem geschützten Rahmen (Paarberatung/Therapie).
Es ist wichtig, Glaubenssätze und Entscheidungen, die in schwierigen Situationen mit dem Partner getroffen wurden zu verstehen. Führen sie zu einer unverbundenen Distanz miteinander (in Eskalationen, Mauern oder Rückzug) oder zeigen sie was an Neurahmung oder auch Neu-Entscheidung wichtig ist?
In der Beratungsarbeit mit Paaren bedeutet dies für die Berater eine nicht pathologisierende, empathische, die Bindung stärkende Haltung einzunehmen. Ziel ist, dass das Paar lernt die verschiedenen Aspekte von Selbstregulation im gemeinsamen Beziehungsprozess zu aktivieren. Dadurch wird eine dyadische Emotionsregulation möglich. Bindungsbedürfnisse werden verstanden und anerkannt, gegenseitige Akzeptanz kann aktiviert, neue Verbindungen können gefördert und vertieft, neue Lösungen zusammengefunden und ein positiver Zyklus miteinander gestaltet werden.
Sicherheit und Vertrauen als Basis, um den Raum für die gemeinsame Sexualität und für sexuelle Imaginationen zu entfalten
Wenn Paare deeskaliert sind und gelernt haben ihre Schutzmuster aufzugeben, besteht die Möglichkeit den sinnlich-erotischen Begegnungsraum miteinander zu betreten.
Je verbundener sich ein Paar fühlt und je ganzheitlicher sexuelle Lernschritte integriert werden konnten, desto verbundener und entspannter können sich beide aufeinander einlassen. Beide Partner brauchen das Gefühl, ich kann mich auf den anderen verlassen, er wird meine Fantasien, Wünsche, Sehnsüchte weder bewerten noch beschämen, weder auslachen, noch als moralisch falsch abstempeln. Beide Partner brauchen den Mut in einem geschützten Rahmen miteinander zu forschen.
Erlebt sich das Paar jedoch als unverbunden, und können sich die beiden nicht über schwierige Gefühle und darunterliegende verborgene Wünsche auseinandersetzen, dann ziehen sich die Partner eher zurück. Sie vermeiden körperliche Berührung oder den Raum der sexuellen Erregung miteinander zu betreten und sich über ihre Wahrnehmungen, Wünsche und Erwartungen auszutauschen. Oder das Paar lebt seine Sexualität miteinander unverbunden aus. Das macht Sinn, um sich zum Beispiel vor weiteren Verletzungen oder vor körperlichen Schmerzen, zu schützen oder um zu grosse Ängste und Unsicherheiten in Schach zu halten.
Verschiedene Facetten von sinnlich-erotischen Begegnungen in Verbindung mit sexueller Imagination
Ist es Partnern vertraut, den sinnlich-erotischen Raum von sexuellen Imaginationen zu betreten, so kann dieser einerseits Unsicherheiten und sensible Punkte berühren, andererseits die Qualität ihres sinnlich-erotischen Erlebens und Verhaltens miteinander vertiefen.
Sexuelle Fantasien ermöglichen, einen inneren Raum der Intimität mit sich selbst zu erschliessen. Oft birgt dieser Raum einen wohlgehüteten, geheimen Schatz.
Sexuelle Fantasien versetzen den Körper in einen «als ob Zustand». Männer und Frauen erleben spürbare und sichtbare Zeichen sexueller Erregung. (Erektion, Lubrifikation) Sie können sie ihre Erregungspfade, die eigenen Erregungsquellen ihrer Lust stabilisieren. Als spezifische Wirklichkeitskonstruktionen können sie auch helfen Mängel an der Realität zu kompensieren oder auch den Partner knackiger zu repräsentieren als er erlebt wird. So kann sexuelle Erregung in reizarmen Situationen ermöglicht werden.
Sexuelle Fantasien können auch Trost spenden oder eine Flucht aus unbefriedigenden sexuellen und anderen Situationen ermöglichen.
Trennung von Fantasie und Realität
Sexuelle Fantasien und wenn gewünscht der Austausch über die gemeinsame Sexualität, können eine spielerische Einladung sein, als Paar den Raum der sexuellen Erregung zu betreten. Eine Fantasie mitzuteilen, muss jedoch nicht heissen, dass der Wunsch besteht, sie eins zu eins im Alltag umzusetzen
Der stimmige Zeitpunkt
Ein Austausch über die sinnlich erotische Beziehung und wenn von beiden gewünscht über sexuelle Imagination sollte nicht unter Druck geschehen, in einer Streitsituation oder während dem Sex. Besser ist ein ruhiger, entspannter Moment. in dem im Paar kein unangenehmer Trigger berührt ist. Der Austausch aus einer offenen, neugierigen Haltung zu einem stimmigen Zeitpunkt, ermöglicht beiden Partnern sich besser kennen zu lernen.
Toleranzfenster für Unterschiede im sinnlich-erotischen Begegnungsraum
Jeder Mensch ist ein Individuum. Es ist normal, dass Partner nicht jede Vorliebe teilen. Entscheidend ist das eigene Erleben mitteilen zu können. Was berührt es in mir, wenn du diese Vorliebe, diese Szenerie, diesen Körper, diesen Kontext erotisierst? Fühle ich mich dann so, als genüge ich nicht? Löst das Scham oder Ekel in mir aus, wenn ich Dir zuhöre? Oder spüre ich Lust, Neugierde oder Unsicherheit? Der respektvolle, einfühlsame Umgang für das Erleben des anderen, einen stimmigen Weg für den Umgang mit diesen Unterschieden im eigenen Toleranzfenster zu finden, braucht Vertrauen und Schutz, schafft Erleichterung und ermöglicht eine tiefere Verbindung zueinander.
Gerne unterstütze ich Paare darin, sich über ihre Beziehung, ihre Intimität und ihre sexuelle Begegnung liebevoll und verbunden auszutauschen. So können beide miteinander erforschen, was ihre Intimität so wunderbar macht, wovon sie mehr miteinander erleben möchten, was die gemeinsame Lust hemmt oder wo wunde Punkte berührt werden. Die Partner können ihr gemeinsames «Paar-Projekt» erschaffen. Sie entdecken wie sie miteinander im Alltag eine liebevolle, sinnlich-erotische Annäherung im Dialog über den Körper gestalten möchten und wie sie den Dialog mit einer sich stimmig anfühlenden Sprache, ohne Angst wagen können.