Newsletter Mai 26
Aussenbeziehungen als tiefe Verletzung -
Die Krise als Chance
In Bindungsbeziehungen geht es für viele Paare darum, sich gegenseitig ein sicherer Hafen zu sein. Jeder gibt Anteilnahme und Trost, und beide sich gegenseitig Mut machen können, auch wenn die Wellen hochschlagen.
Je weiter Paare bereit sind, sich füreinander zu öffnen, desto höher ist auch das Risiko alte und aktuelle Verletzungen gegenseitig zu berühren.
Werden Verletzungen nicht bearbeitet oder wieder gut gemacht, kann die bestehende emotionale Wunde nicht heilen. Diese Wunde steht zwischen den Partnern und gibt immer wieder Anlass für eskalierende Situationen. So entstehen immer weitere schmerzhafte Beziehungsrisse, die die Liebesbeziehung gefährden, wenn sie nicht repariert werden.
Motivation und Auswirkung von Aussenbeziehungen auf die Partnerschaft
Viele Paare erleben eine tiefe Bindungsverletzung und einen starken Vertrauensmissbrauch, wenn sich ein Partner ohne Absprache oder Einwilligung des anderen dafür entscheidet, sich in der bestehenden Paarbeziehung für eine dritte Person emotional und/oder sexuell zu öffnen.
Besonders schmerzhaft erlebt der betrogene Partner das Fremdgehen des anderen:
- wenn dies heimlich geschieht und er/sie die Aussenbeziehung entdeckt
- das Fremdgehen weder seinen Werten noch der gewählten gemeinsamen Beziehungsform entspricht
- wenn die Aussenbeziehung als Lösungsversuch für eine schon länger nicht bewältigte sexuelle oder emotionale Distanz angesehen wird («weil du meine sexuellen Wünsche nicht erfüllst, bin ich fremd gegangen, du bist schuld»)
- die dritte Person die fehlende emotionale oder sexuelle Zuwendung erhält, nach der sich der Partner sehnt
- das Fremdgehen in einer besonders verletzlichen Situation, wie z.B. rund um die Geburt eines Kindes, im Kontext einer (medizinischen oder psychischen) Krankheit
- Bindungsdilemmata bestehen («wenn wir es schön haben und du mir nahe bist, muss ich Dich wegstossen, sonst wird mir die Beziehung zu eng und ich fühle mich erdrückt von Dir»)
Oft wird das Fremdgehen als ein heimlicher, einfacher Weg erlebt, was über lange Zeit beim Partner, der nach aussen geht, zum Vertuschen, Verheimlichen, den anderen anlügen, sowie zu intensiven Schuldgefühlen führt. Betrogene Partner berichten, dass diese Täuschungsmanöver ebenso schmerzhaft sind, wie die Affaire an sich.
Viele Paare erleben nach der Affaire eine intensive, schmerzhafte Zeit, in der die Emotionen hohe Wellen schlagen und die bestehenden Verletzungen, sowie nicht bearbeiteten Beziehungsthemen angegangen und bewältigt werden wollen.
Verletzungen bewältigen
Nach einer tiefen Verletzung, z.B. durch eine Aussenbeziehung, hilft es vielen Paaren, wenn:
beide Partner
- aufrichtig motiviert sind, die bestehende Verletzung und die dahinterstehenden Themen anzugehen
- es beiden gelingt positive, konstruktive Gespräche zu führen
- beide bereit sind, sich mit den Sichtweisen und Gefühlen des anderen auseinanderzusetzen
- beide etwas Konkretes tun, woraus ersichtlich wird, was der Anteil von jedem an der Krise ist
- dass jeder ernsthaft bereut, was geschehen ist und die Beziehung wichtig nimmt
der verletzende Partner
- dem verletzten Partner zuhört
- dessen Sichtweise nachvollziehen und den angerichteten Schaden aufrichtig anerkennen kann
- sein verletzendes Verhalten nicht beschönigt
- sich entschuldigt
der verletzte Partner
- sich bemüht, möglichst ruhig über seine/ihre Gefühle zu sprechen
- die Gefühle klar formuliert
- den Vorfall nicht grösser oder kleiner macht, sondern in seiner Dimension realistisch einschätzt
- sich auch die Perspektive des Partners anhört
Krise als Chance?
Viele Paare geraten in eine Krise, sobald die Aussenbeziehung aufgedeckt wird. Manchen Paaren gelingt es, diese Krise zu bewältigen, obgleich der Aufarbeitungs- und der Wiedergutmachungsprozess beiden Partnern eine Menge abverlangt. Gelingt dieser Prozess, erleben viele Partner wieder eine grössere Nähe zueinander.
Je nachdem in welcher Beziehungsform ein Paar lebt, sei es in einer treuen, verbindlichen, monogamen Beziehung, in einer offenen Beziehung, in der sich ein oder beide Partner für emotionale Aussenbeziehungen öffnen oder in einer polyamoren Beziehungsform, in der das Paar sich für Mehrfachbeziehungen entscheidet, wird das Sich-Öffnen für Dritte als unterschiedlich belastend erlebt.
Bei der Verarbeitung von Aussenbeziehungen können folgende Aspekte bedeutsam sein:
- Haben sich beide Partner auf sexuell übertragbare Krankheiten testen lassen?
- Wer soll über die Aussenbeziehung informiert werden? (Kinder, Eltern, Freunde) Geht es bei der Information darum, sich aufrichtig Unterstützung zu holen, um die schwierige Situation zu verarbeiten? Sollen Kollateralschäden dabei vermieden werden?
- Es ist verständlich, dass der betrogene Partner über Details in Bezug auf die Affaire informiert werden möchte. Dennoch können spezifische Einzelheiten, sei es über sexuelle Praktiken oder Details des Vertuschens traumatisierend wirken und helfen im Prozess der Verarbeitung und Erholung nicht weiter. Andererseits ist es wichtig, dass die Person, die eine Aussenbeziehung hatte, das Bedürfnis des Partners mehr erfahren zu wollen anerkennt und bereit ist, über seine Gefühle und seine psychische Befindlichkeit während dieser Beziehung zu sprechen. Hilfreich in diesem Prozess ist, wenn die Gespräche keinen Verhörcharakter haben und die Fragen auf Augenhöhe respektvoll gestellt werden können.
Die Wut darüber betrogen und hintergangen worden zu sein, ist verstehbar. Nimmt diese Wut im Gespräch überhand, besteht die Gefahr, dass das Problem, welches gerade angegangen wird, eskaliert. Meist ist die Wut eine Reaktion auf den starken Schmerz, intensive Schamgefühle, Angst und eine tiefe Traurigkeit. Ziel im Prozess der Ausarbeitung ist, über die Verletzung, die Angst und die Traurigkeit miteinander sprechen zu lernen.
Derjenige Partner, der sich untreu verhalten hat, hält die Affaire vielleicht für gerechtfertigt, weil er in der Beziehung so unglücklich war. Hier ist es wichtig, die Ursachen dieses Unglücklichseins zu bearbeiten. Rechtfertigungen oder Schuldzuweisungen erschweren den Prozess der Aufarbeitung und Wiedergutmachung.
Aufarbeitung bestehender Paarthemen
Haben die Paare diesen schmerzlichen Prozess und die Nachwirkungen der Affaire durchgearbeitet, geht es anschliessend darum zu verstehen, was in der Beziehung schief gelaufen ist oder gefehlt hat, sodass beide zwischen sich und ihrer Beziehung einen Platz für eine dritte Person gelassen haben. Das heisst nicht, dass mit dieser Sichtweise der untreue Partner aus seiner Verantwortung entlassen wird.
Jetzt bedarf es einer Standortbestimmung :
- Wie war es vor der Aussenbeziehung um die Beziehung bestellt?
- Welche Themen wurden vermieden?
- Welche Gewohnheiten haben die Pflege der Beziehung miteinander verhindert?
Mögliche dahinterliegende Konflikte können sein:
- Umgang mit Kritik oder Kontrollverhalten
- Unrealistische Erwartungen an den anderen
- das Ungleichgewicht im Selbstwertgefühl der Partner (z.B. ein Partner erlebt sich als sexuell minderwertig)
- Angst die eigene Verwundbarkeit und Schwäche zu zeigen
- fehlender Raum für das Erleben von emotionaler Nähe und Verbundenheit
- mangelnde Offenheit für Ünterstützungsbedarf bei der Lösung sexueller Probleme in der Beziehung
- mit einem Bindungsdilemma konfrontiert zu sein
Egal welcher Art die dahinterliegenden Themen sind: diese nicht zu bearbeiten bedeutet die Beziehung weiteren Verletzungen und Risiken auszusetzen.
Gerne unterstütze ich Paare darin, bestehende Verletzungen zu verarbeiten und mit ihren Wünschen, Bedürfnissen, Unsicherheiten und Befürchtungen zu zeigen. Beide Partner können so lernen, mit ihren Verletzungen und Ängsten zu sein und sich immer wieder anteilnehmend und achtsam aufeinander einzustimmen.