Newsletter März 26
Vom «ich kann nicht mehr» zurück zum «Ich bin»
Inseln der inneren Sicherheit im Paar wiederfinden
Verlieren Menschen ihre innere Sicherheit durch traumatische Stress-Erfahrungen, also Erfahrungen, die als emotional überwältigend, als zu schnell, zu viel erlebt werden, so geht es darum in kleinen Schritten, das, was innerlich zerbrochen ist, wieder miteinander zu verbinden.
Dazu hat der amerikanische Psychiater Stephan Porges ein Modell entwickelt. Ausgehend von der Dreiteiligkeit des vegetativen Nervensystems, beschreibt er, was Menschen im Körper erleben, wenn sie ihre innere Sicherheit verlieren und was sie entwickeln können, um diese Sicherheit wieder zu erlangen.
Porges beschreibt das unwillkürliche Nervensystem als ein dreistöckiges Haus. Befindet sich ein Mensch im Erdgeschoss, so erlebt er sich als geborgen und als sicher mit dem Moment verbunden. Innerlich erlebt sich diese Person als orientiert, entspannt, «lehnt sich genüsslich auf dem Sofa zurück», und ist in einem guten, verbundenen Kontakt mit sich selbst, (Parasympathikus: Ventraler Vagus) in seiner Komfortzone «Ich bin».
Geschieht jedoch im ersten Stock eine Aktion, die als Gefahr erlebt wird, so ist die Person mobilisiert, in Bewegung. Auf der Ebene des Nervensystems heisst das, der Sympathikus ist aktiviert.
Im ersten Stock, der Herausforderungszone, erlebt sich die Person in der Haltung von «ich kann», nämlich kämpfen oder flüchten.
Im zweiten Stock geht das biologische System in einen Zustand der Erstarrung, in ein Wegtreten über. (Parasympathikus: dorsaler Vagus) »Ich kann nicht mehr» verdeutlicht die Überforderungszone. Der Mensch erlebt seinen Körper in Reaktion auf die Lebensbedrohung in einer Immobilität, sensorisch verbunden mit einer hohen muskulären Anspannung, emotional in Angst, Hilflosigkeit und einer starken Verunsicherung.
Am Beispiel eines Babys beschrieben, befindet sich das Baby im Erdgeschoss, der Komfortzone, wenn die Mutter in der Nähe und kein Stress vorhanden ist. Kommt ein Reiz von aussen, schaut das Baby herum und fängt an zu schreien, weil es sich in Gefahr fühlt und nicht flüchten kann. Kommt keine Hilfe, hört es irgendwann auf zu schreien und erstarrt.
Sicherheit hat im menschlichen Organismus, wie auch in Paarbeziehungen eine hohe Priorität. Erlebt sich ein Partner einer (gefühlten) Gefahr ausgesetzt (der andere sieht mich nicht, lässt mich allein, ich kann mich nicht auf ihn verlassen), so bewegt sich dieser Partner oft in den ersten Stock. Vielleicht versucht er zu flüchten (Rückzug), vielleicht zu kämpfen (Angriff, Abwertung), in dem verzweifelten Versuch, den Mensch, den er lieb hat zu erreichen. Andere Partner stecken im zweiten Stock fest (Erstarrung). Der Beziehungsprozess zwischen den Partnern,
der jetzt aus der Not heraus geschieht, führt zu einer emotionalen Distanz, zu einem Festsitzen im 1.Stock oder im 2. Stock des Hauses. Die gegenseitigen Verletzungen, oder auch Triggerpunkte, in denen sich beide berühren, führen dazu, dass im inneren Erleben jedes Einzelnen, wie auch im äusseren Begegnungsraum der beiden, ein Schutzmuster aktiviert ist, in dem sich die beiden verpassen.
Es ist nicht die Idee, dass sich Paare im Haus ihres Nervensystems nur noch im Erdgeschoss, also in der Komfortzone aufhalten. Das wäre langweilig. In der Beziehung mit sich selbst, wie auch in der Beziehung als Paar ist es immer wieder eine Kunst, sich je nach Lebenssituation zwischen den Stockwerken hin und her bewegen zu können. Die Kunst ist sich so zu bewegen, dass jeder Partner, immer wieder eine innere Verbindung herstellen kann zum eigenen Spüren, Fühlen sowie den daraus ersichtlich werdenden Bedürfnissen, Ressourcen und Grenzen. Diese innere, bewegliche Landkarte hilft mit dem Partner in Kontakt zu sein und miteinander immer wieder Inseln der Sicherheit zu erleben.
In dem Moment, in dem einer der Partner das Erdgeschoss verloren hat und mehrheitlich im oberen Stock feststeckt, befindet sich dieser in einer anhaltenden Unsicherheit. Das Thema kann als Trigger in den Konfliktsituationen des Paares allgegenwärtig sein.
In diesen Situationen ist das Wahrnehmen der eigenen Körpersignale und das Vertrauen in diese Körperwahrnehmungen hilfreich. Biologisch betrachtet sucht sich der Körper automatisch Momente der Sicherheit und Entspannung. Dies geschieht z.B., wenn wir schlafen. Um die Signale des Körpers zu verstehen, braucht es das Entwickeln einer Sprache, die bei der Interpretation der Körperwahrnehmungen des Nervensystems hilft.
Im Bild des Hauses gesprochen, bedeutet dies, dass jeder Einzelne die Rückkehr vom 2.Stock ins Erdgeschoss lernt. Ein Weg kann sein, z.B. über Bewegung in den ersten Stock hinunterzusteigen, danach wieder ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit zu entwickeln und wieder ins Erdgeschoss zu gelangen.
Spielen wir mit einem Babay, welches sich gerade in einem Zustand der Erstarrung befindet, mit seinen Füsschen, stösst es dagegen und gelangt so wieder in den ersten Stock. Gehen wir dann mit dem Baby in ein vertrauensvolles, wohlwollendes Zureden, findet es oft den Weg zurück ins Erdgeschoss.
Im Umgang mit Paaren braucht es kreative Wege. Zunächst geht es darum herauszufinden was jedem Einzelnen gut tut, wenn er sich als erstarrt und unsicher erlebt. Sind dies zunächst sanfte, kleine Bewegungen mit sich selbst? Ist es ein Spaziergang, der Gang auf das Trampolin, eine Tour mit dem Hund, eine Fahrt mit dem Fahrrad? Was ist in solchen Situationen Hilfe zur Selbsthilfe, um selbständig Stressmomente auf eine stimmige, eigene Art mithilfe der eigenen biologischen Rhythmen zu regulieren? Oft gibt es im Alltag in der Dichte des Funktionierens wenig Zeit für die Selbstregulierung allein oder durch ein gemeinsames Bewegungserlebnis, wie z.B. Tanzen.
In unserer Gesellschaft wird oft belohnt, wer im Kopf ist, weniger wer im Bauch ist. Der Satz «Ich denke, also bin ich» sitzt tief. Diesen Satz durch eine Haltung wie «ich spüre, also bin ich» zu ergänzen und dieses Spüren dazu zu nutzen, um das eigene zentrierte Sicherheitsgefühl wieder herzustellen, ist vielen Menschen verloren gegangen.
Auch im Alltag gilt es verletzliche Punkte (Triggerpunkte) bewusst wahrzunehmen. Wann übergehe ich meine eigene Wahrnehmung, anstatt eine wohlwollende Fürsorge zu aktivieren und damit aus einem beginnenden Negativkreislauf auszusteigen? Das Bewusstsein für die 3 Stockwerke und die Bewegung zwischen diesen 3 Stockwerken kann dabei unterstützen.
Gerne begleite ich Paare darin sich in Momenten der Hilflosigkeit, Erschöpfung und Verstrickung, wieder in einer wohlwollenden liebevollen Co-Regulation aufeinander einzustimmen.