Newsletter Juni 26
Eifersucht als Bindungswächter -
als Paar die emotionale Balance halten
Im Kontext der Bindungstheorie kann Eifersucht nicht als blosse Charakterschwäche angesehen werden, sondern als ein Alarmsystem, welches die Stabilität einer wichtigen Beziehung sichern möchte. Wird das Thema Eifersucht berührt, ist wichtig zu verstehen, was tatsächlich in der auslösenden Situation zwischen beiden geschieht. Noch wichtiger jedoch ist, was im Gespräch über den schwierigen Moment zwischen beiden Partnern geschieht.
Anna und Tim sind ein langjähriges Paar. Sie flirtet gerne auf gemeinsamen Festen, was ihn zutiefst verunsichert und ihm Sorgen bereitet. Sie kann ihrerseits nicht verstehen, dass er sich ständig Gedanken darüber macht, wie wichtig ihr die Beziehung mit ihm ist. Seine Frustration endet in ermüdenden, fruchtlosen Gesprächen. Je nachtragender Tim Anna kritisiert und je mehr er an ihrer Bindung zweifelt, desto stärker fühlt sie sich kontrolliert. Sie reagiert frustriert und wütend. Je eingeengter, frustrierter und wütender sie ist, desto weniger nimmt sie seine Ängste ernst. Dies vertieft seinen Schmerz, seine Wut und sein Misstrauen weiter. Je verletzter er sich fühlt, desto massiver verfolgt und bedrängt er sie.
Dieser negative Kreislauf erzählt die Geschichte von schmerzlichen Gefühlen, mit dahinterliegenden unbefriedigten Bindungsbedürfnissen. Einerseits bringt der negative Kreislauf die Beziehungsdynamik zum Ausdruck und andererseits hält er diese aufrecht.
Der Blick in die Vergangenheit der beiden hilft dem Paar, die Tiefe des Bindungsdilemmas gegenseitig besser zu verstehen.
In der Paarberatung wird klar, dass Tim eine Beziehungsgeschichte mit tiefen Bindungsverletzungen erlebt hat. Seine Exfrau hatte ihn nach einer Affaire, für ihn überraschend plötzlich, zusammen mit seinem Sohn verlassen. Seinen alkoholkranken Vater, hat er als sehr unberechenbar und manchmal auch als gewalttätig erlebt. Tim erlebte enge Beziehungen nicht als sicher, sondern als einen Ort, an dem er jederzeit mit einer Gefahr rechnen muss.
Auch Anna war in ihrer ersten Ehe von ihrem Mann nach einer Affaire verlassen worden. Auch ihre Eltern führten eine unglückliche Ehe, ihre Mutter starb früh an einer chronischen Krankheit. «Ich habe früh gelernt mein eigenes Ding zu machen und für mich zu sorgen.»
So befürchtet Tim immer wieder von Anna verlassen zu werden, während er sich gleichzeitig danach sehnt ihr nahe zu sein. Seine Bindungsgeschichte hat prägende Selbstzweifel an seinem Wert hinterlassen und Sicherheit enger Beziehungen tief infrage gestellt. Sein Glaube andere Menschen lassen ihn im Stich, sein wütendes Grübeln und seine angriffigen Bemerkungen aktivieren in Anna das, wovor er Angst hat, nämlich, dass sie kurz davor steht, ihn zu verlassen.
Anna fühlt sich durch sein Bedürfnis nach grösserer Sicherheit und Verbindlichkeit bedrängt und überfordert. Annas Bindungsgeschichte führt dazu, dass sie sich nur auf sich selbst verlässt und sich nicht in Abhängigkeit von anderen Menschen begibt.
Beide spüren eine tiefe Angst verlassen zu werden und sehnen sich nach Sicherheit. Die gegenseitigen Reaktionen berühren im negativen Kreislauf den Schmerz ihrer unerfüllten Bindungsbedürfnisse.
Eifersucht als Bindungswächter
Sobald die Exklusivität oder die Verfügbarkeit des Partners durch einen dritten bedroht scheint, löst das Gehirn Bindungsangst aus. Eifersucht ist eine Reaktion, um die Verbindung zu verteidigen.
Sie taucht dann auf, wenn ein Partner eine reale oder eingebildete Gefahr für die Beziehung wahrnimmt. Die Auslöser sind individuell und von Paar zu Paar unterschiedlich. Trigger für Eifersucht können ein Lächeln, Flirten mit einer dritten Person sein, oder auch Berührungen, Umarmungen, Erwähnungen eines Expartners, Treffen mit Verflossenen. Auch Online-Flirten, Cybersex, Pornofilme anschauen, übereifriger Konsum von sozialen Netzwerken können im Paar Eifersucht wecken.
Anerkennen und wertschätzen von Eifersucht
Eifersucht fühlt sich schmerzhaft an und wird im Paar meist nicht willkommen geheissen (negative Bedeutungsgebung). Sie kann jedoch innerhalb der Liebesbeziehung eine positive Funktion haben, indem sie die Partner daran erinnert, die Beziehung nicht als selbstverständlich anzusehen und die gegenseitige Wertschätzung zu erhöhen.
Achtsam bedacht und in kleinen Dosen geäussert kann Eifersucht in der Liebesbeziehung hilfreich sein. Ihre Funktion kann darin bestehen die Beziehung zu schützen, indem sie dem Eindringen einer dritten Person einen Riegel vorschiebt. Ein Anflug von Eifersucht, der sich wie ein kleiner «Stich ins Herz" anfühlt, kann daran erinnern, wie wichtig die Partner füreinander sind, dass die Verfügbarkeit des Partners nicht selbstverständlich ist und wie wichtig es ist die Beziehung vor dem Eindringen dritter zu schützen.
Andererseits kann Eifersucht destruktive Folgen haben. Die Angst, die Beziehung zu verlieren oder die Wut über eine erlebte Grenzverletzung, kann zu einem depressiven Rückzug, zu Verfolgung, Überwachung, bis hin zu verbaler oder körperlicher Gewalt führen. Diese Reaktionsweisen sind für beide Partner Ausdruck einer unsicheren Paarbindung.
Einfluss des Bindungsstiles
Wie intensiv und auf welche Weise jemand eifersüchtig reagiert, hängt stark vom Bindungstyp ab:
Ängstlicher Bindungsstil
Partner mit diesem Bindungsstil befürchten verlassen zu werden. Sie interpretieren bestimmte Signale, zum Beispiel einen freundlichen oder liebevollen Blick, den der Partner mit einer anderen Frau austauscht als Bedrohung der Beziehung.
Das dahinterliegende Bindungsbedürfnis die wichtigste Person für den Partner sein zu wollen, kann oft zu einem klammernden Verhalten oder dem Bedürfnis nach Rückversicherung führen.
Vermeidender Bindungsstil
Dieser Partner zeigt Eifersucht oft weniger nach aussen. Er zieht sich bei Bedrohung eher zurück und gibt vor, dass ihm die Bedrohung egal ist (Deaktivierung des Bindungssystems), um sich vor Verletzungen zu schützen.
Sicherer Bindungsstil
Sicher gebundene Partner empfinden ebenfalls Eifersucht. Sie können diese aber besser regulieren. Sie kommunizieren ihre Gefühle direkt, ohne den Partner abzuwerten oder zu kontrollieren.
Umgang mit Eifersucht im Paar
Wird Eifersucht in einer Paarbeziehung erlebt, so macht es Sinn innezuhalten, um wahrzunehmen was geschieht.
Wenn im Paar klar ist, dass ein Partner infolge früherer Lebenserfahrungen Schwierigkeiten hat, dem anderen zu vertrauen, ist es wichtig zwischen diesen Erfahrungen und dem gegenwärtigen Verhalten unterscheiden zu lernen. Manchen eifersüchtigen Partnern gelingt es, mit ihrem Partner über dieses empfindliche Thema zu sprechen.
Für den anderen Partner kann es hilfreich sein diese Verwundbarkeit seines Partners anzuerkennen und sich zu überlegen, wie es möglich ist diesem Partner die eigene Hingabe, sein Interesse und Engagement immer wieder zu versichern. Je besser dem Paar gelingt, sich gegenseitig Grund zu geben zu vertrauen, desto leichter kann die Unsicherheit und Angst, die mit der Eifersucht einhergeht, überwunden werden.
Wenn das Alarmsystem übersteuert
Wird die Eifersucht pathologisch oder gerät sie aus den Fugen, so reagiert das Bindungssystem auf Bedrohungen, die objektiv nicht existieren. Diese Reaktion zerstört oft genau das, was sie schützen möchte, nämlich die sichere Basis und das Vertrauen in der Beziehung.
Sicherheit in der Beziehung wiederherstellen
Wie ist es möglich mit dem Partner über die eigene empfindliche Seite zu sprechen? Oder wenn der Partner zu Eifersucht neigt, ihm der eigenen Hingabe, des Interesses an seiner Befindlichkeit und der Wichtigkeit der gemeinsamen Beziehung, immer wieder konstruktiv zu versichern?
Je besser dem Paar gelingt sich gegenseitig zu vertrauen, desto leichter können die Angst und die Unsicherheit, die mit der Eifersucht einhergehen überwunden werden.
Fragen, die helfen können, den Negativ-Kreislauf rund um die Eifersucht besser zu verstehen und ihn zu verlassen :
Auslöser verstehen:
-Wann bin/war ich in meiner aktuellen Paarbeziehung eifersüchtig?
-Was hat meine Eifersucht ausgelöst?
Gefühle wahrnehmen und anerkennen:
-Welche anderen Gefühle habe ich in dieser Situation empfunden? (Ärger, Wut, Schmerz, Angst?)
-Welchen Einfluss hatten diese Gefühle auf meinen Partner?
(Distanz, Eskalation?)
Sich gegenseitig Halt geben:
-Was hat mir in dieser Situation geholfen? (Mitgefühl?)
-Was hat die Situation noch schlimmer gemacht?
(«Ist dein Problem, du nervst»)
Füreinander offen sein:
-Wecken meine Begegnungen mit anderen Menschen die Eifersucht?
(Umarmungen, Tanzen, Treffen mit Ex, Internet?)
-Wie verhält mein Partner sich, wenn er eifersüchtig ist? Wie zeigt er mir dann seine Gefühle?
(Vorwürfe, Rechtfertigungen, Eskalationen ?)
Den eigenen Anteil besser verstehen:
-Was ist meine Motivation mich so zu verhalten?
(Kompensation wovon? Vermeiden von was in der Beziehung?)
-Welche Botschaft will ich meinem Partner durch mein Verhalten möglicherweise senden?
(Ich sehne mich nach mehr Intimität?)
-Welche Emotionen aktiviere ich durch mein Verhalten?
(Schmerz, Ärger, Angst?)
Mögliche Wege für den Umgang mit Eifersucht:
1.Anerkennen, dass Eifersucht auch die Botschaft enthält: Du bist mir wichtig
2.Welche Grundgefühle empfinde ich, wenn ich Eifersucht erlebe? (Schmerz, Angst?)
Welche Gefühle lagern sich darüber? (Wut, Ärger?)
3.Geschwindigkeit der Reaktionen verlangsamen, Annahmen und Befürchtungen überprüfen
4.Reaktionen regulieren lernen
5.Über Ängste und Unsicherheiten miteinander sprechen lernen
6.Miteinander einen Weg für Sicherheit gebendes Überwachungsverhalten finden
(Einblick ins Handy? Wann bin ich wo? Wie lange treffe ich wann Menschen, was für Dich schwierig ist? )
Gerne unterstütze ich Paare, sich wieder neu aufeinander einzustimmen, wenn durch Eifersucht ein Dauerkonflikt oder das Gefühl entstanden ist, sich nicht mehr auf den anderen verlassen zu können.