Newsletter Juli 26
Emotionale Abhängigkeit in Liebesbeziehungen -
weder pathologisch noch kindisch
Das Wort Emotionen leitet sich aus dem Wort «emovere», in Bewegung sein, ab.
Intime Beziehungen lösen emotionale Reaktionen in uns aus. Jeder von uns weckt wiederum emotionale Reaktionen im anderen.
Dabei können primäre Emotionen (Kernemotionen) oder sekundäre Emotionen (reaktive Emotionen) berührt werden.
Im folgenden Newsletter geht es darum, die Heftigkeit von Eskalationssituationen zwischen Partnern besser zu verstehen. Ich
beschreibe dazu den emotionalen Motor, der die Negativkreislaufe antreibt, seinen Ursprung, seine Funktion, seine Tiefe und auch seine Heftigkeit.
Unterscheidung primäre und sekundäre Emotionen
Mit primären Emotionen sind Gefühle, die aus der jeweiligen Lebensgeschichte heraus an erster Stelle stehen, sozusagen in einer zeitlichen oder auch ursprünglichen Rangordnung der Gefühle. Sie werden als sogenannte echte Gefühle verstanden, denen zugrunde schmerzliche, bindungsbezogene Erfahrungen liegen können, wie z.B. Einsamkeit, die Angst den anderen zu verlieren oder die unerfüllte Sehnsucht nach emotionaler, liebevoller Nähe. Sie verlieren an Kraft, wenn das eigentliche, hinter dem Gefühl liegende Bedürfnis erfüllt ist.
Sekundäre Emotionen beschreiben Gefühle, die als Reaktion auf ein ursprüngliches Gefühl (primäre Emotion) entstehen. Sie dienen als reaktive Schutzschilde, die vor den oft schmerzhaften, primären Gefühlen bewahren sollen. Sie entstehen nicht direkt aus der aktuellen Situation heraus, sondern sind Reaktionen auf die eigenen, bereits vorhandenen Gedanken oder auf erlebte primäre Gefühle.
Diese sekundären Emotionen dienen als Abwehrmechanismus. Wenn das primäre Gefühl (z.B. eine tiefe Verletzlichkeit, Scham oder Angst) als zu bedrohlich oder unerträglich empfunden wird, tritt die sekundäre Emotion an dessen Stelle, um den empfundenen Schmerz und die daraus resultierende Verletzung zu betäuben oder abzuwehren.
So kann das primäre Gefühl, nämlich der Schmerz darüber, dass die Sehnsucht nach liebevoller, emotionaler Nähe im Kontakt mit dem Partner wieder nicht erlebt wird, im verstrickten Beziehungsprozess von Ärger oder Wut überdeckt werden.
Die Intensität der Wut oder des Ärgers, die sich dann als Bindungsverletzung gegen den Partner richtet, zeigt auch die Intensität der Liebe und Verbundenheit zum Partner, wie auch die Wichtigkeit (Bedeutung) der Partner füreinander.
In der sekundären, wütenden Abwehr-Emotion gegen die Intensität des darunterliegenden Schmerzes, findet dieser Schmerz keinen Ausdruck in der Beziehung. So kann er in der Beziehung weder gesehen, noch verstanden und anerkannt werden.
Diese Liebe, die in der eigenen Geschichte mit wichtigen Bindungspersonen nicht erlebt wurde, kann so auch aktuell wieder nicht im verstrickten Beziehungsprozess mit dem Partner erlebt werden. Der Negativkreislauf dreht sich.
Sekundäre Gefühle dienen dazu, sich zu verteidigen oder zu regulieren. Sie sind lange anhaltend und intensiv und haben wenig mit der auslösenden Situation zu tun. Sie erfüllen daher keine Signalfunktion in Bezug auf dahinterliegende Bedürfnisse. Im Gegensatz zu den primären Emotionen verlieren sie nicht von selbst an Kraft. Somit dreht und dreht sich der Kreis sich im Beziehungsprozess des Paares schmerzlich, verletzend und unerfüllt weiter.
Wenn Wut die Angst den Partner zu verlieren überdeckt, können bereits in der Vergangenheit unsichere, unzuverlässige Beziehungserfahrungen gemacht worden sein.
Die Mischung aus den Erlebnissen aus der Vergangenheit und den aktuellen Beziehungserfahrungen machen die hohe Sensibilität, wie auch die Tiefe der bestehenden aktuellen Verletzung verstehbar
Resultierendes Verhalten im Beziehungsprozess:
Das aus dieser Verletzung resultierende Verhalten von Rückzug und die damit einhergehende emotionale Distanz kann die eigene Hilflosigkeit oder eine bestehende Angst des vor Ablehnung überdecken.
Ebenso überdeckt das wütende Kritisieren, indem ein Partner dem anderen vorwurfsvoll sein Fehlverhalten vorhält, den verzweifelten Versuch, das darunter liegende unerfüllte Bedürfnis nach emotionaler Nähe zu stillen.
In der Beratung kann es möglich werden, dass die Partner, den «Deckel», also das darüberliegende Gefühl lernen abzunehmen, beziehungsweise besser zu verstehen. Eine verständnisvolle emotionale Verbindung wird geschaffen, indem die primäre Kernemotion (z.B. die Angst vor dem Verlassen werden) sich selbst und dem Partner zugänglich gemacht wird.
Gefühle zuzulassen heisst erst einmal die Gefühlsregung und die damit verbundenen Körperreaktionen, Gedanken und Verhaltensimpulse wahrzunehmen. Es geht nicht darum, automatisch die Handlung auszuführen, die der Impuls suggeriert.
Angenehme und unangenehme Emotionen
Emotionen sind ein Kompass für unsere Bedürfnisse. Angenehme Emotionen signalisieren, dass ein Bedürfnis erfüllt wird, bzw. erfüllt werden könnte. Unangenehme Emotionen signalisieren, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt wird oder droht nicht erfüllt zu werden. Diese Warnung zu erkennen und ernst zu nehmen ist wichtig für die eigene Sicherheit und das Wohlbefinden.
Bedürfnisse hinter primären Gefühlen:
Ärger entsteht, wenn eine Grenze verletzt ist und weist auf das Bedürfnis nach einer intakten Grenze hin.
Hilflosigkeit entsteht, wenn ein Kontrollverlust erlebt wird und weist auf das Bedürfnis hin, Einfluss nehmen zu können.
Angst entsteht, wenn Bedrohung erlebt wird und weist auf das Bedürfnis nach Schutz hin.
Die spezifische Angst vor Ablehnung wird oft auch als Scham bezeichnet. Damit ist das Gefühl gemeint sich als Mensch abgelehnt und nicht gewürdigt zu fühlen, und weist auf das Bedürfnis nach Verbundenheit und Zugehörigkeit hin.
Schuldgefühle entstehen, wenn jmd. etwas getan hat, das als falsch bewertet wird. Sie weisen auf das Bedürfnis hin nach den eigenen Werten zu handeln.
Traurigkeit weist auf einen Verlust eines sinnstiftenden Lebensinhaltes hin und signalisiert das Bedürfnis nach Halt und Sinnhaftigkeit.
Einsamkeit entsteht, wenn wir uns unverbunden fühlen. Sie weist auf das Bedürfnis nach Bindung hin.
Diese verletzlichen Gefühle weisen auf unsere Bindungsbedürfnisse hin und ermöglichen, dass Partner sich aus diesen Bedürfnissen heraus begegnen.
Mögliche Fragestellungen dabei können sein:
Wovor habe ich die grösste Angst, wenn ich mich Dir anvertraue?
Und damit verbunden kann die Frage sein:
Was brauche ich von Dir?
Wie kannst du mir helfen, dass ich mich wieder sicher fühle?
Glückliche Paarbeziehungen sehen sehr unterschiedlich aus. Jedes Paar findet seinen eigenen Weg. Manche Paare erleben sich als sehr wertschätzend miteinander, Respekt, Bewunderung und Vertrauen stehen im Vordergrund. Sie unterstützen und ermutigen sich gegenseitig.
Andere Paare erleben sich als leidenschaftlich. Emotionale Intensität und sexuelle Energie, im positiven, wie auch im negativen Sinne, ist für die Beziehungsdynamik kennzeichnend.
Andere Paare vermeiden Konflikte, tragen nur selten Auseinandersetzungen aus, bestimmte konfliktträchtige Themen werden nicht angesprochen.
Paarbeziehungen, die als glücklich erlebt werden, weisen oft drei wesentliche Elemente auf: Intimität, Leidenschaft und Verbindlichkeit. Intimität bedeutet, dass die Partner sich füreinander öffnen und über ihre innere Welt sprechen.
Leidenschaft bezeichnet Zuneigung, sexuelle und emotionale Lebendigkeit und Erfüllung.
Verbindlichkeit hilft Paaren dabei, sich auch in schwierigen Phasen ihrer Beziehung treu zu bleiben.
Dieses Engagement dient als Motivationskraft Probleme zu lösen und Beziehungsrisse zu heilen. So fliessen in der Liebe zwischen Erwachsenen Bindung, Fürsorglichkeit und Sexualität zusammen.
Gerne unterstütze ich Paare dabei, ihre Emotionen und die dahinterliegenden Bedürfnisse besser zu verstehen und aus einer wohlwollenden gegenseitigen Bezogenheit heraus Unterschiede und Schwächen zu akzeptieren und die Liebe miteinander zu schützen und zu pflegen.