Newsletter Februar 26
Komplexe Emotionen - als Paar Scham und Beschämung wahrnehmen und besser verstehen
Die Fähigkeit Scham zu empfinden ist eine wichtige Fähigkeit in der Individuation von Menschen. In diesem Newslettertext geht es darum Wesen und Funktion von Scham und in Beziehungen beschämt worden zu sein wahrzunehmen, zu sich zu nehmen, zu verstehen und eigene konstruktive Wege im Umgang mit Scham zu entdecken.
Dabei gilt es 2 Aspekte der Scham zu unterscheiden:
die entwicklungsfördernde und die entwicklungshemmende Scham.
Oft steht hinter anhaltenden Schuldgefühlen, einem Übermass an Verantwortungsübernahme oder der Weigerung Verantwortung zu tragen, ein Schamthema.
Pathologische Scham bei frühkindlichen Traumatisierungen
Ursachen für die Entwicklung der gesundheitshemmenden (pathologischen) Scham können Bindungsabbrüche, Vernachlässigung, Misshandlungen, psychische Erkrankung der Eltern, Migration, Traumatisierungen oder Sucht sein.
Diese fehlende Einstimmung oder auch Brüche, die in der Beziehung mit Bezugspersonen erlebt und nicht repariert werden konnten, sind eine überwältigende Erfahrung für das Kind. Ausgelöst durch das Erleben unerwünscht zu sein, abgelehnt, verachtet zu werden, oder Zurückweisung über einen kalten, abweisenden Blick, der Bezugspersonen zu erfahren, verinnerlicht das Kind das Gefühl dass etwas an ihm falsch ist. Anstelle des Gefühls trotz schlechten Verhaltens liebenswert zu sein, verbindet sich das innerste, emotionale Selbst mit dem Gefühl falsch oder böse zu sein, begleitet von überwältigenden Schamgefühlen.
Nicht der Liebe wert zu sein ist die schmerzlichste seelische Wunde und kann oft nicht durch Sprache ausgedrückt werden. Der Glaubenssatz «ich werde nicht geliebt, weil ich nicht liebenswert bin» prägt sich tief in das eigene Selbstbild ein. Oft ist dieser Glaubenssatz von der Urangst begleitet nicht mehr dazu zu gehören, aus der Gemeinschaft ausgestossen zu werden. Das tiefe Gefühl einen Grundfehler gemacht zu haben, kann zur Bildung eines falschen Selbst führen, d.h. sich so zu verhalten, wie es der Vorstellung der Bezugsperson(en) entspricht, z.B. perfekt, der Sonnenschein der Familie zu sein, Leistung zu erbringen. Der Kontakt zu sich selbst und den eigenen Bedürfnissen wird zurückgestellt.
Bindungstraumatisierte Kinder werden über Beschämung gefügig gemacht, «weil du so schlimm bist, muss ich Dich bestrafen».
Scham und Beschämung werden benutzt, um Macht auszuüben. Mit jeder Erfahrung von Gewalt, Vernachlässigung, Erniedrigung wird der negative Kreis verstärkt: das «ich bin ein schlechter Mensch» bleibt tief im Selbstwert verankert. Das Kind erfährt Erlebnisse der Beschämung, lange bevor es in der Lage ist das Verhalten der Bezugsperson zu hinterfragen. Später kann das Kind die Beziehung zur Bezugsperson nicht kritisieren, da sonst diese Beziehung bedroht, bzw. sein Selbstkonzept zerstört würde. Es erlebt sich als loyal gebunden. Scham ist der Klebstoff der Loyalität.
Bedeutung der entwicklungsfördernden Scham
Scham will uns auf unsere tiefsten Bedürfnisse hinweisen, wie Zugehörigkeit, Würde, Akzeptanz. Sie dient der Wahrung unserer Selbstgrenzen und der persönlichen Integrität, ist die Wächterin von Privatheit. Sie schützt die Intimgrenze und die Innerlichkeit. Ein massvolles Erleben von Scham ist notwendig, um sich in Frage stellen zu können und zu lernen. Scham und Schuld schützen das soziale Miteinander einer Gemeinschaft. Scham warnt, dass soziale Regeln verletzt werden. Schambedingte Angst aus einer Gemeinschaft ausgestossen zu werden, zeigt, wie wichtig das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist. Menschen, die viel Scham und Schuld erlebten, besitzen oft die Fähigkeit sich empathisch auf andere zu beziehen.
Erleben von Scham
Menschen, die eine gesunde Scham empfinden, haben die Kompetenz sich auch selbstkritisch zu sehen, ohne sich gleich ganz in Frage zu stellen. Die pathologische Scham hingegen aktiviert kritische, innere Anteile wie «ich bin schuld daran, dass es dem anderen schlecht geht.» Kritik wird als bedrohlich erlebt, Wutausbrüche können eine Folge davon sein.
Menschen erleben Scham als beklemmend. Sie fühlen sich eingeengt, gelähmt, minderwertig, gedemütigt, so als ob sie im Boden versinken müssten. Ein verletzter Stolz kann bei Beschämung zum Verlust der Selbstachtung, Einsamkeit, Scheu und Schüchternheit führen.
Körperliche Reaktionen
Mit Scham verbunden ist oft der Wunsch verschwinden zu wollen, unsichtbar zu werden bis hin zum Shut Down und zur Dissoziation. Manche Menschen erleben in Verbindung mit ihrer Scham soziale Ängste bezüglich öffentlichem Sprechen.
Typische Körperhaltungen können sein, die Augen oder den Kopf zu senken, die Schultern nach vorne einzurollen, die Gesichtsmuskulatur erschlafft. Manche Menschen, die Scham erleben wirken im Aussen so, als hätten sie ein Pokerface, sie werden bleich, die Pupillen können sich verengen, der Gang wird steif, manchen Menschen wird es übel, die Ohren rauschen.
Scham kann im Kontakt mit anderen Menschen oder einer vertrauten Person reguliert werden, auf Körperebene im sich aufrichten, in den Blickkontakt gehen. Feine Bewegungen der Augenmuskeln können bei der Regulation helfen.
Reaktionen auf Scham in Beziehungen
In (Paar)Beziehungen können Masken der Scham sein: flüchten, sich verstecken, sich entziehen und Bindungen vermeiden. Manche Menschen greifen sich selbst an, sie entwerten und verurteilen sich, kritisieren sich bis hin zur Selbstbestrafung oder auch Selbstverletzung. Diese Schutzstrategien dienen als verzweifelter Versuch die Situation zu kontrollieren, weitere Demütigungen oder auch die schambesetzte Angst verlassen zu werden, zu vermeiden. Auch sich im Aussen zu verschliessen, in der Immobilität zu verharren oder zu kollabieren, macht in der Logik des Scham-Erlebens Sinn, als Reaktion darauf sich überwältigt und verletzt zu fühlen.
Andere Optionen sind wie automatisch nicht selbst, sondern andere anzugreifen und sie mit wütenden Schuldzuweisungen zu beschämen. Aus narzisstischen Wutreaktionen kann ein Bedürfnis nach Rache bis hin zur Beschämung anderer durch Gewalt erwachsen.
Weitere «verzweifelte Bewältigungsstrategien» in Reaktionen auf die Scham können sein, sich mit Alkohol (Sucht) zu betäuben oder die Scham auf der Verhaltensebene mit Perfektionismus und Kritik überkompensierend abzuwehren.
Auch dranghaftes sexuelles Verhalten kann als Schutz vor schmerzlichen Schamgefühlen dienen.
Innere Haltungen von Minderwertigkeit oder sich als würdelos zu erleben, können ins Gegenteil verkehrt werden, wie Protzigkeit, Verachtung, Exhibitionismus, Zynismus, Arroganz.
Scham und Sexualität in Beziehungen
Kein anderer Lebensbereich wird derart beschämt wie die Sexualität.
Scham kann Sexualität und erotische Begegnungen hemmen, manche Paare benutzen Scham aber auch, um die damit verbundene Lust zu steigern.
Das willentliche Aufheben der Scham und damit verbundener Intimitätsgrenzen durch das Betrachten und das eigene Sich zeigen, können erotisch als hoch aufgeladene Akte erlebt werden.
Ebenso kann die Lust an der sexuellen Eroberung durch die wechselseitig gewollte und spielerisch herbeigeführte Überwindung der Schamgrenzen als sehr leidenschaftlich erlebt werden.
Gesten, Bewegungen, sprachliche Äusserungen oder Laute, die in einem anderen Kontext als obszön gelten, können für das Paar Ausdruck ihrer Intimität und einer gemeinsam gefundenen sexuellen Sprache sein.
Langjährige Sexualität lebt auch von der Fähigkeit Schamgrenzen zeitweilig loszulassen, und sie dann wieder einzusetzen, damit die Lust aufeinander erhalten bleibt.
Die Arbeit mit Schamgefühlen
Scham benötigt Geheimhaltung und Verschwiegenheit, um zu überleben. Oft tun wir alles, um dieses schmerzliche Gefühl von Verletzlichkeit zu vermeiden.
Scham ans Licht zu bringen und darüber auch mit dem Partner zu sprechen, erfordert Mut
Die Zuwendung zu sich selbst, Selbstfürsorge und ein Selbstmitgefühl zu entwickeln, wirken als Gegengift zur chronischen Scham. Mit der Zeit können auch im Paar geeignete, haltgebende Fürsorgestrategien entwickelt werden.
Gerne unterstütze ich Frauen, Männer und Paare darin ihre Scham zu empfinden, sie neugierig in ihrem Erleben und ihren individuellen Bildern besser zu verstehen und als wichtige Quelle (in ihrer Individuation) in ihrem Selbst zu integrieren