Newsletter August 26
Mehr Lust als Frust Sexuelle Imagination/Fantasien im sinnlich-erotischen Frauenraum
Mit Frauen in der Sexualberatung einen geschützten, sinnlich- erotischen Raum zu betreten, berührt unterschiedliche Ebenen:
- körperliche Erfahrungen (Körper/Selbstbild)
- emotionales Erleben (Lust und Frust in der aktuellen sexuellen Entwicklungsgeschichte)
- Denken und kulturelle Sichtweisen (tief verankerte Prägungen und aktuelle Glaubenssätze)
- sexuelle und emotionale Beziehungserfahrungen (früher und heute).
Sexuelle Imagination/Fantasien können einen Zugang zu zentralen emotionalen Lebensthemen schaffen. Dies betrifft sowohl Konflikte, wie auch Ressourcen und Bedürfnisse. Sie können Frauen dabei unterstützen, ein tieferes Verständnis in ihrer Beziehung zu sich selbst (Autoerotik), und im Dialog in ihrer Partnerschaft (Beziehungserotik) zu entwickeln.
Fantasien können etwas über bedeutsame sinnlich-erotische, emotionale Erregungsquellen mitteilen. Sie eröffnen sowohl den Zugang zu Konflikten, die sich auf die Erotik beziehen, als auch auf Lösungsversuche. Sie eröffnen damit eine wunderbare Landschaft für Entwicklungsprozesse.
Im Beratungsprozess können sich Frauen als gestärkt in ihrer Selbstakzeptanz und in ihrer sexuellen Selbstbestimmung erleben.
Das begleitete, achtsame sich Öffnen in der bewegten Bilderwelt für den eigenen sinnlich-erotischen Raum der Weiblichkeit, sowie die wertschätzende Reflexion in diesem verletzlichen Prozess der Selbsterkundung, erschliesst vielen Frauen neue Spielräume. So können sie ihre eigenen Bedürfnisse besser verstehen und sind ermutigt den Dialog in der Beziehungssexualität neu anzugehen.
Frauen und ihre Anliegen:
Manche Frauen, die in Kursen, im Einzelsetting oder als Teil eines Paares zu mir kommen, sehnen sich danach ihre sexuelle Lust wieder zu spüren. Andere Frauen möchten verstehen, warum sie keine Lust oder zu viel Lust haben und warum sie sich als sexuell «ungenügend» erleben. Andere Frauen wollen ihr Geschlecht und ihre sexuellen Bedürfnisse in ihrer jeweiligen Lebensphase
neu entdecken, anders wahrnehmen und wieder geniessen können.
Manchmal kommen Frauen nach der Geburt ihres Kindes, nach einer Fehlgeburt, vor oder nach der Menopause. Es kommen Frauen, weil sie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) haben, oder sie erleben, dass sich ihre Scheide verschliesst (Vaginismus). Andere Frauen haben Mühe ihre sexuelle Erregung zu spüren, oder einen Orgasmus zu erleben, andere leiden unter Selbstzweifeln und Ängsten oder haben sexuelle oder emotionale Übergriffe erlebt.
Dies betrifft Frauen in langjährigen verbindlichen Beziehungen, Frauen in offenen Beziehungen, reife Frauen im Alter, Frauen in der Auseinandersetzung mit sexuellen Einschränkungen ihrer Partner.
Der Bezug zum eigenen Geschlecht und wie sinnlich-erotische Fantasien/Imagination dabei helfen
Geht es für Frauen darum sich als weibliches/sexuelles Wesen zu erleben so kann dies in einem sicheren, wohlwollenden Rahmen, sowohl über Theorieinputs, über Körperübungen, als auch über die Reflexion ihres Spürens und Fühlens geschehen.
Im Vordergrund steht, den Zugang zur eigenen Neugier ins Zentrum zu rücken, sodass die Frau über den Bezug zu ihren Sinnen (tasten, riechen, hören, schmecken, sehen, sich bewegen) im Hier und Jetzt ihre Weiblichkeit und ihr Geschlecht achtsam erforschen kann. Sie entdeckt dabei, welche ihrer Sinne Nahrung brauchen, z.B. der Geruch, der Tastsinn über die Berührung, erregende Geräusche, wie ihre eigene Stimme oder die Vibration der Stimme des Partners/in.
Dazu eine Übung:
1.Bodyscan unter Einbezug des Geschlechtes
Suche Dir einen ruhigen Platz, an dem Du entspannt liegen kannst.
Lass Dich wahrnehmen, wie Dein Atem kommt und geht. Vielleicht magst Du eine Hand auf Deine Bauchdecke legen. Was nimmst Du wahr? Vielleicht, wie sich Deine Bauchdecke hebt und senkt.
Vielleicht die Wärme oder Kälte Deiner Hand?
Wie ist der Kontakt Deines Körpers mit dem Boden, während Du ein- und ausatmest und sich Deine Bachdecke hebt und senkt?
Magst Du das Gewicht Deines Körpers in den Boden einsinken lassen?
Nimm deine beiden Beine, die Füsse, das Gewicht Deines Beckens wahr?
Spürst du Dein Geschlecht? Wie ist sie gerade da? Ist sie wach? Ist sie neugierig? Schläft sie?
Wenn Du weiter Deinen Körper entlang gehst, nimm Deine Wirbelsäule wahr, deine beiden Schultern, die Arme rechts und links, Deinen Nacken, Dein Gesicht.
Wie fühlt sich der Innenraum deines Körpers an? Entspannt? Angespannt?
Wie bist Du gerade da? Fühlst Du Dich wohl? Fühlst Du Dich sicher, im Kontakt mit Dir?
2.Innere Haltung zu sich selbst achtsam wahrnehmen
Was brauchst du, um Dich sicher zu fühlen?
Ich lade Dich ein liebevoll und wohlwollend auf Dich zu schauen.
3.Den eigenen erotischen Raum achtsam erkunden
Jetzt, wo Du im Innenraum Deines Körpers angekommen bist, lade ich Dich ein, eine kleine Reise in den erotischen Raum Deiner Weiblichkeit zu machen. Es ist offen, was Du sehen wirst und alles ist richtig.
Öffne die Tür und gehe in deinem Rhythmus hinein.
Welche Bilder entstehen, wenn Du diesen Raum betrittst?
Wie erlebst Du gerade jetzt die Frau, die diesen Raum betritt?
Wie sieht sie aus?
Wie fühlt sie sich? Neugierig, unsicher, ängstlich, verschämt, freudig?
Magst Du sie?
Wie ist die Atmosphäre in diesem Raum?
Wie sieht dieser Raum aus? Ist er gross, klein, hell, dunkel?
Wo befindet sich dieser Raum?
Welche Gegenstände gibt es in diesem Raum?
Wie riecht dieser Raum?
Gibt es Musik in diesem Raum?
Gibt es andere Menschen in diesem Raum?
Schau Dich noch einmal um und verabschiede Dich dann.
Gehe aus Deinem erotischen Raum und schliesse die Tür hinter Dir.
Wie nimmst Du Deinen Körper jetzt wahr?
Spürst Du wie der Atem kommt und geht.
Recke und strecke Dich, mache Deine Hände und Deine Füsse zu Fäusten, öffne die Augen und komme wieder im Aussenraum an.
4.Der Kontakt mit dem erotischen Raum
Wenn es für Dich passt, nimm Dir ein Blatt Papier und zeichne Deine inneren Bilder.
Danach gehen wir im Beratungssetting oder im Gruppensetting in den Austausch.
Handlungsleitende kleinschrittige Fragen dafür können sein:
- Welche Bilder (Imaginationen) sind in mir in diesem Raum entstanden?
- Welche Körperempfindungen (Sensationen) habe ich dabei wahrgenommen?
- Welche Gefühle (Affekte) habe ich in diesem Raum gespürt (Freude, Lust, Ekel, Angst, Ärger, Trauer, Scham etc.)?
- Welche Glaubenssätze (Meaning) sind mir in diesem Raum begegnet?
- Was habe ich in diesem Raum gemacht? (Verhalten)
In der Reflektion dieses Raumes geht es darum die Innenwahrnehmung und die Aussenwahrnehmung achtsam miteinander zu verbinden und eine offene, wohlwollende Sprache über das erlebte Empfinden zu entwickeln.
In der weiblichen symbolischen Inszenierung werden einerseits bestehende Lernthemen, andererseits deren Lösungen aktiviert. Manche Frauen empfinden Anspannung, andere Entspannung und Erleichterung ihren sinnlich-erotischen Raum (neu) zu entdecken, in ihm zu verweilen und darin für sich selber sein zu dürfen. In manchen Erlebnissen kommt es zu Begegnungen mit anderen. Das Gefühl selbstbestimmt und sicher den eigenen Raum entfalten zu dürfen, ist eine Grundvoraussetzung, um mit dem eigenen sinnlichen Erleben und dem eigenen sexuellen Begehren in Kontakt zu sein.
Der Prozess mit dem erotischen Raum geht in vielen kleinen Schritten im Alltag weiter.
Ich bitte die Frauen ihr gemaltes Bild zu Hause an einen für sie sichtbaren Raum zu deponieren. Was aktivieren diese Bilder beim wiederholten Betrachten in der jeweiligen Frau?
Je nach Situation ermutige ich die Frau, zu spüren, ob es für sie passt ihren Partner in ihrer Imagination in diesen Raum einzuladen. Was möchte sie als Königin mit ihm in ihrem Reich initiieren? Was möchte sie gerne mit ihm erleben? Was nimmt sie dabei wo in ihrem Körper wahr?
Beispiele wie unterschiedlich Frauen ihren erotischen Raum erleben
- In meinem erotischen Raum gibt es ein Sofa, einen grossen runden Tisch und ein Dachfenster, in dem ich den Sternenhimmel anschauen kann, wenn ich auf dem Sofa liege. Mein Raum ist hell und gross. Ich fühle mich wohl in ihm.
- Lange Zeit habe ich mein Geschlecht nicht mehr gespürt. Nach der Aussenbeziehung meines Mannes, habe ich mich als Frau so gefühlt, als ob ich nicht genüge. In diesem Raum spüre ich, wie mein Geschlecht in mir pulsiert. «Sie» fühlt sich warm, weich und neugierig an.
- Mein Raum fühlt sich dunkel und unbewohnt an. Die Farbe ist blutrot. Ich bin erstaunt darüber und empfinde Scham.
- Mit der Zeit fällt es mir leichter meinen Raum immer mal wieder zu betreten. In diesem Raum Zeit für mich zu haben, und bei mir anzukommen, tut mir gut. Ich fühle mich freier auf mich zu fokussieren und nur mich zu spüren, ohne das Gefühl zu haben, auf die Wünsche meines Partners eingehen zu müssen. Ich fühle mich wohl.
- Mein erotischer Raum ist in den Wurzeln eines Baumes mit rundlichen Ästen. In ihm gibt es Brüste, eine Klitoris und eine Vagina. Die drei mögen sich sehr. Manchmal haben sie Lust auf Solo-Sex, das erotische Stöhnen ist wie meine Begleitmusik.
Mit der Zeit fühle ich mich immer sicherer meinen erotischen Raum zu betreten.
Jetzt gibt es in meinem erotischen Raum einen Whirlpool, ich sehe wie sich das Licht des Mondscheines in ihm spiegelt. Ich trage ein schwarzes Oberteil bis zur Hüfte. Unten bin ich nackt. Das fühlt sich erregend an.
Manchmal, wenn mein Partner anklopft, lade ich ihn ein hereinzukommen. Den Atem meines Partners zu spüren, fühlt sich erregend an.
Obgleich ich in einer exklusiven, treuen Beziehung lebe, lade ich in meinen Fantasien auch mal einen anderen Mann ein, meinen Raum zu betreten. Ich weiss, dass das nur in meiner Fantasie ist. Deshalb erlaube ich mir das. Das fühlt sich lustvoll an.
- In meinem erotischen Raum ist es stiller geworden. Er fühlt sich warm an, die Farbe des Lichtes ist ein warmer Rot-Ton. Seitdem ich durch die Menopause durch bin, ist mein Geschlecht ruhiger geworden. Die Wellen meiner sexuellen Erregung plätschern sanfter und verspielter in meinem erotischen Raum.
Heute habe ich meinen erotischen Raum wieder betreten. Es gab viele Tücher in ihm, die von der Decke herunterhingen und mich berührt haben. Das hat sich sehr schön angefühlt. Jetzt habe ich meinen Partner eingeladen, den Raum zu betreten. Es hat mich sinnlich erregt, zu schauen, wie der Wind die Tücher bewegt hat, wie die Tücher meinen Partner berührt haben und wie er sich wohl gefühlt hat damit.
Für meinen Alltag möchte ich mir gerne eine neue Bettwäsche kaufen.
In begleiteten Prozessen im Einzelsetting oder in der Gruppe können sinnlich, erotische, sexuelle Lernschritte sein:
- wieder Vertrauen in den eigenen Körper und das Erleben des Körpers zu finden
- sich als sexuelles Wesen neu kennen zu lernen
- die Körperwahrnehmung im Innenraum(inneres Geschlecht) und im Aussenraum(äusseres Geschlecht) zu entwickeln
- sexuelle Erregung wahrzunehmen
- im individuellen Erleben zu entdecken was einen selbst erregt
- sich selber und die eigenen sexuellen Bedürfnisse besser kennen zu lernen
- mit der Zeit, wenn gewünscht, sexuelle Erregung mit dem Geschlechtsverkehr zu verbinden
- die entdeckten Wünsche in den Kontakt mit dem Partner zu bringen
Gerne unterstütze ich Frauen darin, ihre Haltungen zu sich selbst als sinnlich-erotische Frau wahrzunehmen und wohlwollend in Bewegung zu bringen, sich das eigene Körperbild als sexuelles Wesen liebevoll anzueignen. So wird es der Frau möglich, als die Frau aufzublühen, als die sie sich wahrnimmt, lustvoll, selbstbestimmt und verantwortlich.