Newsletter April 26
Kernemotionen im Paar sichtbar machen
Auch Paarbeziehungen kennen verschiedene Jahreszeiten:
-Frühling: sich ineinander verlieben, eine Paarbeziehung aufbauen und sich immer besser kennen lernen
-Sommer: miteinander eine Familie und/ oder eine Firma gründen, sich auf ein gemeinsames Projekt ausrichten
-Herbst: die Kinder gehen aus dem Haus, die Partner erleben den Übergang in die Rente
-Winter: die Partner erleben miteinander das älter werden und sich vom Leben wieder verabschieden
Diese Jahreszeiten sind erfüllt von verschiedenen, intensiven, emotionalen Erfahrungen. Sind die emotionalen Erfahrungen der Partner positiv, d.h. sie sind zufrieden, angenehm erregt, neugierig, so fühlen sie sich sicher und geborgen in der Beziehung.
Begegnungen aktivieren einen positiven Kreislauf von sich gegenseitig zuhören, auf den anderen Eingehen, miteinander sprechen. Dem Paar geht es gut.
Sind die emotionalen Erfahrungen jedoch negativ geprägt, das heisst die Partner erleben sich als niedergeschlagen, hilflos, allein gelassen, nicht gesehen und verstanden, so werden die Begegnungen zwischen den Partnern als, frustriert, unangenehm, resigniert erlebt. In krisenreichen Begegnungen ist der Verlauf oft unberechenbar, die Partner fühlen sich nicht sicher, eigene Schutzmuster und Verstrickungskreisläufe miteinander sind aktiviert.
Das Verstehen der Emotionen und der dahinterliegenden Bedürfnisse sind oft der Schlüssel, um wichtige Kernemotionen (Angst den anderen zu verlieren) und die reaktiven Gefühle, die sich über diese Kernemotionen lagern (Aggression, die ihren Ausdruck im Rückzug oder in der Kritik des Partners findet) zu verstehen.
Eine sichere, lebendige Bindung aufzubauen bedeutet, sich in die Tiefen der eigenen Emotionen und der dahinterliegenden Bedürfnisse, wie auch in die Tiefen der emotionalen Welt des Partners hineinzubegeben. Dabei hilft es dem Paar die emotionalen Bedürfnisse miteinander zu erforschen, sich über diese auszusprechen und aus einer verständnisvollen Haltung heraus für sich selbst und den anderen aufeinander zuzugehen.
Wie Emotionen uns helfen
Emotionen teilen über Mimik, Gestik und Haltung des Körpers anderen Menschen wesentliche Informationen mit. In Paarbeziehungen orientieren sich die Partner in den Begegnungen an diesem pausenlosen Senden und Lesen von Signalen über emotionale Zustände. Nehmen wir die Emotionen unseres Partners wahr und gehen darauf ein, fühlt er sich gesehen und beachtet. Gehen wir jedoch immer wieder über die Bedürfnisse von uns selbst oder des anderen hinweg, fühlt sich der Partner vernachlässigt.
Emotionen enthalten einerseits Informationen und andererseits motivieren sie uns zu handeln. Zum Beispiel löst ein Schmerzensschrei des Partners Angst aus, das Herz schlägt schneller und nach Sekundenbruchteilen des Wahrnehmens, veranlasst die Angst dem anderen zu Hilfe zu eilen.
Im Folgenden beschreibe ich einige Kernemotionen und ihre Auswirkungen:
-Angst: aktiviert, um sich selbst oder andere zu schützen
-Überraschung: aktiviert, um innezuhalten und die neue Situation wahrzunehmen
-Wut: aktiviert, um sich gegen eine wahrgenommene Bedrohung zu wehren
-Traurigkeit: aktiviert, um Trost zu suchen und einen Verlust zu betrauern und ihn loszulassen
-Scham: aktiviert sich zurückzuziehen, um nicht gesehen zu werden
-Freude: aktiviert in der Beziehung, um mit positiver Energie, entspannt, spielerisch und liebevoll auf den anderen zuzugehen
Emotionen können verstanden werden als Werkzeuge, die unsere Lebendigkeit aktivieren und für unsere Sicherheit sorgen. Sie motivieren zum Überleben, Sexualität zu geniessen, sich fortzupflanzen, zum neugierigen Erkunden, zur Sorge um andere, zum Selbstschutz, zur Trauer und zur Suche nach Beziehungen.
Was geschieht, wenn wir unsere Kernemotionen ignorieren?
Primäre Emotionen sichern unser Überleben. Ignorieren oder bagatellisieren wir diese, so können sie in manchen Kontexten an Intensität zunehmen. Angst kann sich zur Panik steigern, Wut in Weissglut ausarten und Traurigkeit in eine Depression umschlagen. In diesen Situationen verhindert die Intensität der Emotion, dass wir uns aufeinander einstimmen und konstruktiv handeln können. Die Emotion wird zum Hindernis. Manche Paare fühlen sich dann regelrecht überflutet oder überwältigt.
Tauchen Reaktionen dieser Art auf, die «aus heiterem Himmel» oder durch aktuelle Meinungsverschiedenheiten ausgelöst werden, so hängen diese mit negativen Erfahrungen zusammen. Dies können Gefühle sein, die sich in der aktuellen Paarbeziehung aus nicht beigelegten Streitigkeiten aufgestaut haben. Wenn wir tiefer forschen, können diese Gefühle mit früheren Bindungsbeziehungen zusammenhängen oder auf traumatischen Erlebnissen basieren.
Folgende Fragen können dazu beitragen Emotionen besser zu verstehen:
In meiner Familie oder in früheren Beziehungen:
-Welche Botschaft habe ich in Bezug auf das Wahrnehmen und Äussern von Emotionen erhalten?
-Wurden manche Emotionen akzeptiert und andere nicht?
-Wie reagieren Bindungspersonen aus meiner Familie auf meine Emotionen?
-Welche Botschaften habe ich in Bezug auf meine Emotionen in früheren Liebesbeziehungen erhalten?
-Wie haben wichtige, frühere Liebespartner auf meine Emotionen reagiert?
Wenn starke Reaktionen in der aktuellen Beziehung auftauchen, wie versucht jeder Partner damit umzugehen?
- Welche schützende reaktive oder defensive Emotion, legt sich über die darunterliegende verletzliche Kernemotion (Schutzmuster: Z. B. gefühllos erstarren oder reaktiv den anderen angreifend)?
Im Beziehungsprozess helfen folgende Fragen die Schutzmuster zu erkennen:
Wie verhält sich jeder? Was denkt jeder? Was fühlt jeder? Welche Beziehungsdynamik entsteht?
Den negativen Kreislauf verstehen lernen
Ein Beispiel eines negativen Beziehungsprozesses, wenn Kernemotionen von reaktiven Emotionen überlagert werden:
Theresa und Ludwig:
T.: Was ich tue:
Ich suche den Kontakt, versuche zu überzeugen, fordere, bohre nach, mache Vorwürfe
L: Was ich tue:
Ich argumentiere logisch und praktisch, verteidige mich, kapituliere, gehe auf Distanz, bagatellisiere das Problem
T.: Was ich innerlich im Stillen denke:
Über mich:
Warum erreiche ich ihn nicht?
Über ihn:
Er macht sich unsichtbar
L.: Was ich im Stillen denke:
Über mich: Oh je, was habe ich jetzt angerichtet?
Über sie: Sie will immer ihren Kopf durchsetzen.
T.: Ich reagiere emotional mit:
reaktive Emotion: Wut, bin verzweifelt, Kernemotion: Angst verlassen zu werden
L.: ich reagiere emotional mit:
reaktive Emotion: defensive Wut, fühle mich überfordert, niedergeschlagen, distanziere mich, Kernemotion: Angst nicht zu genügen
T.: ich fühle mich nervös
L.: Ich fühle mich unruhig
Gerne ermutige ich Paare Neues auszuprobieren.
Sie erkunden in kleinen Schritten mit sich selbst und mit dem Partner die eigenen Gefühle und finden Wege einander nahe zu sein, anstatt sich zurückzuziehen oder zu explodieren und sich so zu verpassen.
(Der Einfachheit und Lesefreundlichkeit halber schreibe ich die Texte in der männlichen Form)